Martina Leeker:
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ENTFESSELTE TECHNISCHE OBJEKTE. MENSCH – KUNST - TECHNIK 2010

Initiatoren: Alexander Firyn, Wolfgang Klüppel, Martina Leeker, Joachim Schlömer – mit dem Festspielhaus St. Pölten

Diese Online-Publikation präsentiert Ergebnisse des Cyberlab 2010. Aktanten-Netzwerke. Visionen einer hybriden Ko-Existenz von Mensch und Maschine am Festspielhaus St. Pölten/Österreich (6.3. – 14.3. 2010) unter der Intendanz von Joachim Schlömer, Kuratoren Wolfgang Klüppel und Martina Leeker.

Mit der Online-Publikation wird sehr entschieden und konzeptuell begründet Neuland betreten, um die im Vergleich zum Buch anders gelagerten Möglichkeiten des Internet für Wissenschaft und Forschung zu nutzen.

Cyberlab

Aufgabe des Cyberlab war es, Verhältnisse von Mensch und Technik im Kontext einer sich verselbstständigenden und selbst organisierenden technischen Umwelt zu erkunden.

Dazu wurden (1) in einem Symposium Medien- und Kulturwissenschaftler und Künstler in einen Austausch zum Thema gebracht. Nach dieser theoretischen Orientierung arbeiteten (2) Medien- und Performancekünstler für eine Woche in einem Lab zusammen. Sie erkundeten, welche Verhältnisse von Mensch und Technik in ihrer Zusammenarbeit entstehen.

Thema und Fragestellung

Gemeinsamer Ausgangs- und Bezugspunkt für die Erkundung des zeitgenössischen Verhältnisses von Mensch und Technik war die derzeit in den Geisteswissenschaften hoch im Kurs stehende Akteurnetzwerktheorie (ANT, u. a. Bruno Latour). Ihr zentraler Gedanke ist, dass Technik, Dinge und Menschen gleichermaßen als Aktanten in einem Netzwerk zu gelten haben, in dem Letzteren keine Handlungsvormacht und Deutungshoheit mehr zukommt. Ist dieser theoretische Entwurf geeignet, aktuelle technische Entwicklungen und die mit diesen sich konstituierende Rolle von Mensch und Technik zu beschreiben? In der Tat sind u. a. in Wirtschaft, Softwareentwicklung, Medizin, Industrie und Kunst Mensch und Technik nur noch bedingt als monolithische Entitäten zu denken, da sie in komplexen Netzwerken miteinander verwoben werden. Die mit der ANT konstatierte Auflösung eines intentionalen Handlungssubjektes sowie die Entfesselung technischer Objekte werden vor diesem Hintergrund also ausgerechnet in einem Moment relevant, in dem technische Entwicklungen, die unabhängig vom Menschen Umwelten organisieren, im Dienste wirtschaftlicher und politischer Interessen tendenziell zu einer Virtualisierung der Nutzer und zu deren Degradierung als Datengeber führen. Könnte es sein, dass die ANT eher einen diese Entwicklungen untermauernden Status Quo diskursiv mit erzeugt, statt ihn zu untersuchen? Wie aber wäre die Umstellung der techno-sozialen Kultur auf Netzwerke zu beschreiben und zu analysieren, so die Fragen, denen sich in der Online-Publikation des Cyberlab angenähert werden soll.

Kunst als Untersuchungsgegenstand

In der Online-Publikation wird Kunst als Gegenstand vorgestellt, an dem Aussagen zur techno-sozialen Lage in Zeiten von Komplexitätssteigerung und Vernetzung abgeleitet werden können. Die Arbeiten der Künstler des Lab sind für diese Recherche geeignet, da sie sich auf sehr unterschiedliche Weise mit eigentätigen Objektwelten sowie mit Kooperationen von Menschen, Technik und Dingen befassen. Georg Hobmeier http://www.senselabor.com/, http://www.dance-tech.net/video/video/listForContributor?screenName=38ls9ngnnosqx liefert sich etwa der Störung seiner Performance durch Elektrizität aus und verliert damit im Gegensatz zu einem intentionalen Subjekt – und als Sinnbild eines Aktanten? - die Kontrolle über Körper und Sprache. Louis-Philippe Demers http://www.processing-plant.com/ lässt Roboter – vermeintlich? – performen. Victor Morales http://vimeo.com/user400400/videos stellt mit modifizierten Game-Engines bizarre Wesen und Welten mit einem Eigenleben her. Dominik Busch http://mufor.com/home hat ein Programm entwickelt (Mustermaschine), das ästhetische Produkte generiert.

Im Lab des Cyberlab 2010 arbeiteten die Künstler an einer Vernetzung ihrer Arbeiten, so dass dieses Experiment im Hinblick auf zentrale Annahmen der ANT ausgewertet werden kann. Ist sie geeignet, das künstlerische Projekt zu beschreiben und zu analysieren? Oder bringt es neue Anregungen und Erkenntnisse für die Formulierung einer komplexen techno-sozialen Umwelt, die über die Versuche der ANT hinausgehen?

Konzept der Publikation. Arbeitsmaterial und Online-Publikation

Die Publikation des Cyberlab verfolgt ein besonderes Konzept, das die Art der Organisation des Materials sowie das Medium, in dem es erscheint, nahe legen. Mit der Publikation sollen wegen der Relevanz der skizzierten technischen und kulturellen Zäsur sowie der Komplexität der aufgeworfenen Fragestellungen ein dynamischer Forschungsprozess sowie eine offene, demokratische Kultur der wissenschaftlichen Auseinandersetzung initiiert werden. Dies soll (1) möglich werden durch die Vorstellung kontroverser Ansätze und Überlegungen zum Thema, die an die Stelle der Begründung einer homogenen Theoretisierung tritt, sowie durch eine diskursanalytische, wissens- und technikgeschichtliche Perspektivierung. Auf diese Weise soll ein kommentiertes Arbeitsmaterial entstehen, das der Leser sich vor dem Hintergrund der hier vorgeschlagenen Sichtweisen selbsttätig erschließen und auswerten kann. Die Publikation präsentiert (2) das Material des Cyberlab online und nicht in Buchform, so dass sie veränderbar und aktualisierbar ist und im Zutun potenzieller Interessenten wachsen kann. Für das Konzept ist die Publikation im Internet eine große Chance, weil sie hier eine breitere und diversifiziertere Leserschaft erreicht als ein Buch. Ein wichtiger Aspekt der Online-Publikation ist schließlich (3) die Veröffentlichung der Beiträge als Videomitschnitte der Vorträge und nicht als deren Textfassung. Es geht dabei nicht darum, die Illusion herzustellen, dass man medial vermittelt am Live-Ereignis des Cyberlab teilhätte. Der besondere Vorteil des Videos besteht vielmehr darin, dass man sich die Beiträge im Moment ihrer Entstehung, mithin in ihrem Status als Umkreisen und Diskutieren des Themas sowie als Skizzieren möglicher Lösungen und Forschungsansätze, ansehen und auswerten kann. Von besonderer Wichtigkeit sind hierbei die „St. Pöltener Gespräche“, bei denen im Austausch der Teilnehmer mögliche Erklärungszusammenhänge und Perspektivierungen erst entstehen, die in weiterer Forschung zu vertiefen sind.

Gebrauchsanleitung. Aufbau und Lektürevorschläge

Die derart konzipierte Online-Publikation des Cyberlab würde sich nicht erschließen, wären die Videomitschnitte unkommentiert im Internet abgelegt. Die Publikation ist vielmehr wie ein Buch in Kapitel gegliedert und in der Einleitung sowie vor den einzelnen Kapiteln mit Lektürevorschlägen der Initiatoren versehen, mit denen die Aussagekraft der einzelnen Bestandteile sowie ihr Zusammenspiel exemplarisch nachvollziehbar werden sollen. Die Online-Publikation kann als kohärentes und zugleich diskontinuierliches Ganzes rezipiert werden. Es ist auch möglich, die einzelnen Kapitel für sich zu nehmen, da sie in sich konsistent sind. Dies wird dadurch ermöglicht, dass einzelne, thematisch übergreifende Beiträge bei Bedarf mehrmals in Kapiteln zugeordnet sind.

Der Vorschlag der Initiatoren zur Lektüre der Publikation startet nach einer Einleitung mit einem theoretischen Part, in dem die Wissens- und Technikgeschichte der ANT rekonstruiert wird. Er bildet gleichsam das diskursanalytische Dach, unter dem die weiteren Kapitel betrachtet werden können. Die folgenden Kapitel gruppieren sich um die Arbeiten der Künstler des Lab. Diesen sind wissenschaftliche Aufsätze zur Seite gestellt, die das Schaffen der Teilnehmer des Lab sowie weiterer, zum Symposium des Cyberlab eingeladener Künstler im Hinblick auf Konzepte zum Verhältnis von Mensch und Technik kontextualisieren und kommentieren. Derart entsteht in den Kapiteln sowie im Rückschluss auf die wissens- und technikgeschichtliche Rahmung ein Diskursbecken. Dieses erschließt sich anhand der einleitenden Lektürevorschläge, die das Zusammenspiel der einzelnen Beiträge eines Kapitels vor-denken und sie im Hinblick auf eine Analyse des Umgangs mit technischen Dingen in der Kunst und eine Zäsur im Verhältnis von Mensch und Technik auswerten. Schließlich werden die unternommenen Experimente im Lab nachgezeichnet und die einzelnen Kapitel zusammen gedacht im Hinblick auf (1) die Frage, ob ANT geeignet ist, die aktuelle Situation sowie Kunst zu beschreiben. Kunst wird (2) als Gegenstand ausgewertet, an dem im Umgang mit Technik Modelle von Mensch, Technik und deren Beziehung entstehen.

Forschung am Objekt

Die Online-Publikation ermöglicht es, die intendierte Beobachtung der Kunst auch da auf einer praktischen Ebene umsetzen, wo die Arbeiten der Künstler aus ihrer materiellen Konstitution entstehen. Denn, so die These, der Status eines Aktanten kann Kunst vor allem auf der Ebene der Hard- und Software zukommen. Hier zeigt sich nochmals die besondere Leistungsfähigkeit einer Online-Publikation im Gegensatz zum Buch, Forschung als Praxis zu ermöglichen. Denn es wird möglich, auch Softwarebausteine und Programmversatzstücke zu präsentieren, die die Generierung und Steuerung von Kunst übernehmen. Da es hier auch darum geht, Kunst sowie Software auf ihre kulturbildenden wie kulturtechnischen Potenziale hin zu untersuchen, bietet die Online-Publikation also Möglichkeiten von unschätzbarem Wert, da nicht nur künstlerische Arbeiten betrachtet, sondern auch deren Programme erprobt und so erst erforscht werden können.